May 18, 2016

Trauzeuge ist Single

Wie einige von euch wissen, bin ich selbst noch Single. Dabei beruht die Tatsache, dass ich keine Freundin habe, auf einer ganz bewussten Entscheidung – einer bewussten Entscheidung meiner Ex-Freundin.

 

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Ihr alle wisst, ich bin Junggeselle und bisher auch nie als großer Freund der Ehe in Erscheinung getreten. Natürlich war die Ehe eine Erfindung, die den Menschen in seiner Entwicklung vorangebracht hat. Aber das Gleiche kann man auch über das Wasserklosett sagen.

 

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Ich bin zwar Junggeselle, aber ich habe gelesen, die Ehe sei etwas, woran man jeden Tag arbeiten müsse. Man muss ständig etwas hinzufügen und Geduld haben, dass sie sich entwickelt. Hm, habe ich gedacht, so ähnlich wie bei einem Komposthaufen.

 

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Als Junggeselle weiß ich natürlich nicht, wie es sich anfühlt, wenn man glücklich verheiratet ist. Aber ich kenne eine ganze Reihe Ehemänner, die wissen das auch nicht.

 

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Lieber Christian, in den kommenden Jahren wirst du feststellen, dass die Ehe wie eine Universität ist. Dort lernst du Genügsamkeit, Geduld, Verständnis – und jede Menge anderes Zeug, das du niemals gebraucht hättest, wenn du wie ich Junggeselle geblieben wärst.

 

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Als Christian mich bat, als Trauzeuge auf seiner Hochzeit eine Rede zu halten, war ich erst nicht so begeistert. Aber er hat zu mir gesagt, dass es für mich als Junggeselle eine tolle Möglichkeit sei, mich den weiblichen Gästen zu präsentieren, die auch noch Single sind. Meine Damen, Sie finden mich ab 23 Uhr an der Bar. Vielen Dank! [Trauzeuge setzt sich zum Spaß hin und tut so, als sei die Rede vorbei.]

 

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Ich glaube, ich bin so etwas wie ein Glücksbringer für Steffi und Christian. Ich war dabei, als sie sich getroffen haben; ich war auf der Party, bei der sie sich das erste Mal geküsst haben; und ich war heute in der Kirche, als die beiden sich das Jawort gegeben haben. Ich wäre auch bereit gewesen, zur Sicherheit mit auf die Hochzeitsreise nach Mauritius zu kommen, aber die beiden waren der Meinung, diesmal schaffen sie es auch alleine.

 

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Neulich hat Christian mich gefragt, warum ich eigentlich noch Junggeselle sei. Ich sagte zu ihm: „Das ist ganz einfach: Jede Frau, die ich in den letzten Jahren mit nach Hause genommen habe, hat meine Mutter überhaupt nicht gemocht. Jede einzelne.“

 

Da hat Christian zu mir gesagt: „Warum suchst du dir nicht eine Frau, die genauso ist wie deine Mutter? Die mag sie bestimmt.“ Vor ein paar Wochen habe ich dann eine Frau mit nach Hause gebracht, die genauso aussah wie meine Mutter, die genauso gesprochen hat wie meine Mutter, die sich genauso angezogen hat wie meine Mutter. Sie hat sogar genauso gekocht wie meine Mutter.

 

Und was soll ich sagen: Mama hat sie geliebt. Einziges Problem: Mein Vater konnte sie nicht ausstehen.

 

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Wenn ich heute Abend das Lächeln auf den Gesichtern von Christian und Steffi sehe, dann denke ich mir, dass die Ehe schon eine wundervolle Sache sein muss. Ich selbst bin ja noch Junggeselle, doch auch ich habe in letzter Zeit Glück beim anderen Geschlecht gehabt.

 

Ich habe eine wunderschöne Frau getroffen. Ja. Ich habe eine Frau getroffen, die mich vergöttert, und eine Frau, die einen großartigen Humor hat. Ich denke, auch ich sehe einer großartigen Zukunft entgegen – vorausgesetzt, die drei laufen sich niemals über den Weg.

 

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Als Trauzeuge war ich in die Hochzeitsvorbereitungen eng mit eingebunden und darum habe ich in den vergangenen Monaten viel Zeit mit Steffi und Christian verbracht. Und während ich die beiden zusammen erlebte, ihr Glück, ihre Harmonie, ihren Teamgeist, da habe ich mich gefragt, ob ich nicht auch langsam mal sesshaft werden sollte.

 

Ich habe dann eine Anzeige im Internet aufgegeben mit dem Titel „Ehefrau gesucht“. Doch das Ergebnis ließ mich dann doch an meinem Vorhaben zweifeln. Zwar bekam ich jede Menge Zuschriften. Doch leider kamen die meisten von Männern, die schrieben: „Du kannst meine haben.“