May 18, 2016

Wie der Trauzeuge zum Trauzeugen wurde

Als Christian mich fragte, ob ich bei seiner Hochzeit Trauzeuge sein möchte, schossen mir natürlich sofort viele Fragen durch den Kopf: Wie kam es, dass ausgerechnet mir diese Ehre zuteilwurde? Hatte er zuvor andere Freunde gefragt, die dankend abgelehnt haben? Und die wichtigste Frage: Würde ich die Ehre ablehnen können und trotzdem eine Einladung zur Hochzeit bekommen, um dort einen ganzen Abend umsonst zu essen und zu trinken? Wie ihr seht: Dieses Risiko war ich nicht bereit einzugehen.

 

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Es ist für mich wirklich eine große Ehre, Christians Trauzeuge sein zu dürfen. Vor allem, wenn man bedenkt, wer die Mitbewerber gewesen sind. In einem wirklich knappen Rennen habe ich mich durchgesetzt gegen seinen Bruder Paul, mehrere enge Studienfreunde und den Wirt aus dem „Gambrinus“ – und das, obwohl der Christian seit Jahren diskussionslos anschreiben lässt. Ihr könnt euch vorstellen, wie stolz ich war, als er mich gefragt hat.

 

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Christian ist wirklich ein super Typ, der immer auf mich aufpasst und sich um mein Wohlergehen kümmert. Zum Beispiel hat er mich als Trauzeugen ausgewählt, damit ich heute Abend bessere Chancen bei den weiblichen Hochzeitsgästen habe, die noch Single sind.

 

Und dann hat er mich noch ausdrücklich angewiesen, die Länge meiner Trauzeugenrede auf höchstens fünf Minuten zu begrenzen. Wie ihr seht: Um euer Wohlergehen kümmert er sich auch.

 

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Ich wünschte, ich könnte sagen, dass Christian mich zum Trauzeugen gewählt hat, weil wir seit vielen Jahren eng befreundet sind. Doch wenn ich ehrlich bin, könnte es auch daran gelegen haben, dass wir bis vor Kurzem noch zusammen in einer WG gewohnt haben. Wer Christian kennt, der weiß, dass er es möglicherweise einfach praktischer fand, schnell den Flur herunterzulaufen und mich zu fragen, als sich dem Stress auszusetzen, erst irgendwo anrufen zu müssen.

 

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Christian und ich kennen uns von der Arbeit und sind seit vielen Jahren eng befreundet. Doch als er mich bat, sein Trauzeuge zu werden, fiel mir ein, dass der Trauzeuge heute Abend eine Rede auf ihn halten sollte, und ich habe ihn gefragt, ob das nicht besser jemand machen sollte, der ihn schon während seiner wilden Schul- und Studienzeit gekannt hat. Christian entgegnete mir: „Peter, das Letzte, was ich will, ist, dass auf meiner Hochzeit jemand eine Rede hält, der mich schon während meiner Schul- und Studienzeit gekannt hat!“

 

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Zuerst möchte ich dir, lieber Christian, ganz herzlich dafür danken, dass du mich als deinen Trauzeugen ausgewählt hast. Es ist wirklich eine große Ehre. Allerdings, das muss ich offen sagen, zieht man einmal in Betracht, dass ich im Prinzip dein einziger enger Freund bin, wäre ich auch ganz schön sauer gewesen, wenn du jemand anderen genommen hättest.

 

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Christians Art, mich zu fragen, ob ich sein Trauzeuge werden wolle, war einmalig. Wir waren nach dem Fußball noch ein paar Bier trinken, da kam er auf einmal zu mir rüber, hat den Arm um mich gelegt, laut gerülpst und gesagt: „Christian, ich heirate diesen Sommer und einer muss meinen Trauzeugen spielen. Es ist kein Traumjob, aber einer muss ihn eben machen. Bist du bereit?“ Ich war tief gerührt.

 

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Seit Christian mich gefragt hat, ob ich sein Trauzeuge werden möchte, habe ich mich immer wieder gefragt, warum er von seinen vielen guten Freunden ausgerechnet mich ausgewählt hat. Bin ich wirklich sein bester Freund oder war es einfach nur, weil er neben mir in seinem neuen Anzug schlanker aussieht?

 

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Als Christian mich bat, sein Trauzeuge zu werden, hat er zu mir gesagt: Alles, was ich über gelungene Hochzeiten wissen müsse, stünde in diesem Buch. [Trauzeuge hält einen Hochzeitsratgeber hoch.] Ich habe mich daraufhin eingehend mit diesem Buch beschäftigt. Doch offenbar hat Christian selbst das Buch nicht gelesen. [Trauzeuge schlägt das Buch auf.] Schon auf Seite 9 heißt es: „Wichtigste Grundvoraussetzung für einen gelungenen Auftritt bei Ihrer Hochzeit sind eine gerade Haltung, eine ordentliche Frisur, eine gepflegte Ausdrucksweise und absolute Nüchternheit.“ [Trauzeuge wirft das Buch in hohem Bogen hinter sich.]

 

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Das Amt des Trauzeugen geht traditionell an einen engen und vertrauensvollen Freund des Trauzeugen, der diplomatisches Talent besitzt, sich gewählt ausdrücken kann und bei gesellschaftlichen Anlässen eine gute Figur macht. Zu meinem Glück hat Christian keine solchen Freunde, darum durfte ich den Job übernehmen.

 

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Ich habe gehört, dass Christian die Entscheidung, wer sein Trauzeuge sein soll, nicht leicht gefallen ist. Es sollte jemand sein von seinen vielen Kumpels aus der Schulzeit, vom Fußball oder aus dem Schützenverein.

 

Der Trauzeuge sollte ein treuer Freund sein, der bei vielen wilden Abenden dabei gewesen ist und immer für Christian da war. Doch als Steffi darauf bestand, dass der Trauzeuge sich auch gepflegt ausdrücken können sollte, wurde die Entscheidung auf einmal ganz einfach.

 

Meine Damen und Herren, liebes Brautpaar, mein Name ist Peter, und es ist mir eine große Ehre, heute Abend als Christians Trauzeuge zu euch allen sprechen zu dürfen.